Im Test! No More Heroes 3

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Im Test! No More Heroes 3

      Titel No More Heroes 3
      Japan 27. August 2021
      Marvelous
      Nordamerika 27. August 2021
      Grasshopper Manufacture
      Europa 27. August 2021
      Grasshopper Manufacture
      System Nintendo Switch
      Getestet für Nintendo Switch
      Entwickler Grasshopper Manufacture
      Genres Action-Adventure
      Texte
      Deutschland Nordamerika Japan
      Vertonung Nordamerika 

      Ich bin nun wahrlich kein Kunstkenner, aber es gibt eine spezielle Frage, die mir schon sehr lange im Kopf herumschwirrt: Wenn Kunst mit purer Absicht schlecht ist, kann man sie dann dafür noch kritisieren? Immerhin erfüllt sie ihren Zwecks vollends, wenn man sie ansieht und sich sicher ist, wie schlecht sie ist. Wie ich ausgerechnet jetzt auf eine solche Frage komme? Bei Spielen von SWERY, Hideo Kojima und ganz besonders Goichi Suda werden beim Designprozess viele fragwürdige Entscheidungen getroffen, die das Endergebnis oft einzigartig und besonders, aber nicht unbedingt besser machen.

      Diese Herren haben sich einen Namen mit ebendiesen Entscheidungen gemacht und jetzt, nach einer jahrelangen Abwesenheit, kehrt Suda51 zu seinen Wurzeln zurück und liefert den heißersehnten (vollwertigen) Nachfolger seiner „No More Heroes“-Reihe ab. Somit gilt es, dieser tiefgründigen Frage einmal mehr auf den Grund zu gehen.

      Das Ding aus einer anderen Welt

      Seit Steven Spielbergs Klassiker wünschen sich nicht wenige Kinder ihren ganz eigenen kleinen Alien-Freund. Einen süßen Außerirdischen, mit dem man Seite an Seite gegen die böse Regierung kämpft, die ihn sezieren will. Und gegen jede Wahrscheinlichkeit erblüht aus diesem unmöglich erscheinenden Kampf eine Freundschaft, die stark genug ist, um dem Außerirdischen einen Weg in die Heimat zu bahnen. Eine wirklich schöne Vorstellung

      Mit einer fantastischen, teils an die Werke von Studio Ghibli erinnernden Eröffnungsanimation, startet No More Heroes 3. Doch es dauert natürlich nicht lange, bevor ein Haufen Blut, Schwerter und nicht jugendfreie Sprache über den Bildschirm flimmern.

      Suda51 geht nämlich einige Jahre weiter und fragt: Was, wenn eben dieser Außerirdische nach 20 Jahren wieder zur Erde zurückkehrt, nur dieses Mal mit neun blutrünstigen Kollegen und dem Wunsch, die Menschheit zu versklaven? Die Antwort auf diese Frage können sich Fans des berühmt-berüchtigten Directors bestimmt schon denken, denn für Suda51 gibt es nur eine Art von Lösung für jedes Problem: ein professioneller Auftragskiller!

      Welcome to the Garden of Insanity

      Und wer könnte diese Rolle besser spielen als der allseits beliebte Travis Touchdown? Mit seinem typisch lässigen Auftreten, dem schier unendlich erscheinenden Popkultur-Wissen und der Verabscheuung der Vierten Wand, macht der Fanliebling seinem Job-Titel alle Ehre. Mal wieder muss er sich von der Basis der Killer-Pyramide durch zehn Bosse schnetzeln, um die Spitze zu erreichen und der beste Killer des Universums zu werden. Dass dies auch hilft, die Welt zu retten, ist ein netter kleiner Bonus.

      Wie auch schon bei den letzten „No More Heroes“-Teilen, ist die Geschichte an sich schnell erzählt und ziemlich simpel. Zum Glück, denn hier ist wieder die Art, wie die Geschichte erzählt wird, wesentlich interessanter als der eigentliche Inhalt. Das führt unter anderem zu einem katastrophalen Rap-Battle, mehreren Visual-Novel-Einlagen und einer wirklich süßen Katze mit tief-rauchiger Stimme. Abwechslung steht hier im Vordergrund und so kommt definitiv nie Langeweile auf.

      Selbst wenn man sich bereits nach kurzer Zeit auf die eigentlich unvorhersehbare Achterbahnfahrt einlässt, schafft es Suda51 dennoch, die ein oder andere überraschende und auch schockierende Wendung einzubauen. Chapeau.

      Den kenne ich doch!

      »Hier hilft kein Schönreden, No More Heroes 3 sieht grafisch schrecklich aus. Im Vergleich zu den strahlend bunten und verrückten Charakter-Designs wirken die Umgebungen wie aus einem völlig anderen Spiel.«

      Die vielen Zwischensequenzen sind oftmals so abgedreht und absurd, dass man dem Entwicklerteam einfach seinen Respekt zollen muss. Nicht viele würden mit solchen Ideen durchkommen oder sie finanziert kriegen. Bei all den Absurditäten fällt es natürlich etwas schwer, eine emotionale Bindung zu den Charakteren zu entwickeln, aber Travis’ Charme tröstet glücklicherweise etwas darüber hinweg.

      Ein spezielles Vorwissen wird zum Verstehen der Story nicht benötigt, aber vor allem die vielen, bereits etablierten Nebencharaktere ruhen sich in diesem Teil zu sehr auf ihrer Reputation aus oder kommen nur sehr kurz vor. Also gilt wie sonst fast auch immer: Wer die anderen Teile gespielt hat, erhält das bessere Gesamtpaket, aber es ist bei weitem nicht nötig.

      Der inhaltliche Teil von No More Heroes 3 ist so einzigartig wie der Kopf hinter der Reihe und trotz aller Fehler, oder vielleicht aufgrund dieser, wird man von den ersten Minuten bereits gefesselt und will sehen, welche Grenzen der Verrücktheit als Nächstes überschritten werden.

      Ein Bild, ein Wort

      Hier hilft kein Schönreden, No More Heroes 3 sieht grafisch schrecklich aus. Ein Bild, ein, leider weniger schönes, Wort. Sehr oft liest oder hört man das, aber es gab nicht nur wenige GameCube-Titel, die weitaus schöner anzusehen waren als dieses Action-Adventure aus dem Jahre 2021.

      Die durchaus kleinen Areale, die man zwischen den Kämpfen stetig abgrast, sind lieblos designt, detailarm und zusätzlich noch langweilig gestaltet. Im Vergleich zu den strahlend bunten und verrückten Charakter-Designs wirken die Umgebungen wie aus einem völlig anderen Spiel. Solch eine schlechte Fernsicht, miserable und selten vorhandene Kantenglättung und häufige Pop-ups hat man wirklich lange nicht mehr gesehen.

      Das geht sogar so weit, dass ein gesamtes Areal mit einem „alten“ CRT-Filter unterlegt ist, um die unfertigen Umgebungen zu kaschieren oder als Designentscheidung zu maskieren. Daher die Frage ganz zu Beginn dieses Reviews. Aber hier kommt auch gleich meine ganz persönliche Antwort: Ob gewollt oder nicht spielt keine Rolle. Schlecht ist schlecht, ob es gewollt war oder nicht.

      Vielleicht doch ein anderes Wort

      Wer jetzt glaubt, dass man hier Abstriche machen musste, um die Performance nicht zu beeinträchtigen, der liegt leider total daneben. Trotz der katastrophalen grafischen Qualität wird man oftmals von Einbrüchen in der Framerate gestört. Das gilt besonders auf dem blitzschnellen Motorrad, welches Travis in den Städten nutzen kann. Die Kämpfe werden zum Glück meist davon verschont, aber das ist nur ein schwacher Trost.

      Eines wird beim Spielen schnell klar: Es hat den motivierten Entwicklern einfach an Geld gefehlt. Ganze Areale sind auf der Karte komplett rot markiert, obwohl es den Anschein hat, als wäre das mal anders geplant. Sehr schade. Dafür scheint das ganze Geld in die optisch und spielerisch phänomenalen Boss-Kämpfe geflossen zu sein. Hier übertreffen sich die Damen und Herren von Grasshopper Manufacture ein ums andere Mal.

      ADRIAAAAN

      Soundtechnisch gibt es zum Glück deutlich weniger zu meckern. Der fetzige und abgedrehte Soundtrack sowie die wuchtigen Soundeffekte treffen genau den Nerv und hauchen den Kämpfen Leben ein. Hier und da bleibt auch tatsächlich mal ein Lied im Kopf stecken, was heutzutage leider sehr selten geworden ist. Bei dem oben bereits erwähnten Rap-Battle bleibt zwar auch was im Kopf stecken, aber aus den völlig falschen Gründen.

      Die Synchronisation ist wieder einmal ein zweischneidiges Schwert. Die wirren Akzente sowie die trashigen und absichtlich schlecht gelesenen Dialoge wirken zunächst amateurhaft, aber betrachtet man das Gesamtpaket, dann hätte keine andere Synchronisation besser gepasst! Mein absoluter Favorit ist ein kleines Oktopus-Alien, welches nur ein simples Wort in seinem Vokabular hat, mit dem passenden Popkultur-Wissen dadurch jedoch zum absoluten Highlight wird.

      Henshin!

      Durch kleine Neuerungen und eine Konzentration auf alte Stärken zählt das Gameplay von No More Heroes 3 zu den Gründen, warum man es einfach spielen sollte. Die mehr oder weniger offene Spielwelt aus dem ersten Teil kehrt in all ihrer detaillosen Pracht zurück und bietet Travis einen kleinen Spielplatz, um seinen liebsten Nebenbeschäftigungen wie zum Beispiel Klempnern oder Rasenmähen nachzugehen. An sich ein lustiges und kurzweilig unterhaltsames Konzept, leider ist „kurzweilig“ genau das passende Wort.

      Zwischen den großen zehn Bosskämpfen muss man diesen Spielplatz sehr oft besuchen und benutzen, um die nötige Summe an Geld zusammenzukratzen, die für die Kämpfe nötig ist. Dadurch wird man praktisch dazu gezwungen, viele Nebenaufgaben zu machen, da es sonst mit der Hauptstory nicht weitergeht. Leider sind die teils biblischen Ladezeiten keine besondere Hilfe dabei, die Motivation aufrechtzuerhalten. Aber die Bosskämpfe sind es am Ende allemal wert!

      »Durch kleine Neuerungen und eine Konzentration auf alte Stärken zählt das Gameplay von No More Heroes 3 zu den Gründen, warum man es einfach spielen sollte.«

      Wer nur das Bitternötigste macht, um von einem Boss zum nächsten zu springen, der wird schnell sein blaues Wunder erleben. Einige Kämpfe und Gegner sind selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad sehr anspruchsvoll. Daher sollte man auch einen Teil der Premium-Währung nutzen, um Statuswerte zu verbessern und Abklingzeiten für Fähigkeiten zu verkürzen. Besonders löblich ist die Tatsache, dass man tatsächlich einen Unterschied in den Kämpfen merkt, wenn man Geld und Zeit investiert.

      Zusätzlich gibt es im Labor noch die Möglichkeit diverse Chips für den „Joy-Con-Handschuh“ zu kreieren und drei davon auszurüsten. Mit unterschiedlichsten Vorteilen im und außerhalb des Kampfes kann man so seinen Sieg sichern oder sein Schicksal besiegeln.

      Das Besondere im Normalen

      Mit leichten und starken Angriffen gilt es, Kombos aneinanderzureihen. Das perfekte Ausweichen wird mit einer kleinen Zeitlupe belohnt und die kreativen Spezialfähigkeiten sorgen für einen kräftigen Impakt. So weit, so gewöhnlich. Es sind die anderen kleinen und großen Elemente, die das Kampfsystem zu etwas Besonderem machen.

      Die Gegnervielfalt, die zufallsgenerierten Boni und natürlich die mehrfach erwähnten, grandios inszenierten Bosskämpfe. All diese Elemente sorgen dafür, dass zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommt und man von Anfang bis zum Ende gerne mit dem Kopf zuerst in die Kämpfe rennt. Leider spielt die Kamera sehr oft nicht so mit, wie man es gerne hätte, und bis heute bin ich kein Fan vom Pausieren der spannenden Kämpfe, um Travis’ Beam-Katana aufzuladen. Das unterbricht immer noch den Spielfluss.

      Suda muss zur Schule!

      Nach etwa 13 Stunden ist dann mit den ganzen Bossen und Absurditäten Schluss. Will man alles sehen, machen und sammeln, kommen gerne noch weitere zehn Stunden dazu. Ebenso wie ein „Neues Spiel+“ und weitere Schwierigkeitsgrade, um sich die Zähne auszubeißen. Dennoch bleibt das erste Durchspielen eines Suda51-Spiels ein absolut einzigartiges Erlebnis.

      Was der gute Herr jedoch lernen sollte, ist die Tatsache, dass kleine kosmetische Veränderungen wie andere T-Shirts nicht genug Motivation bieten, um weitere Stunden in ein Spiel zu investieren. Hier gibt es 101 andere Optionen, die besser als jedes Outfit wären.

      Travis is back (und dieses Mal richtig!)

      No More Heroes 3 ist genau das, was Fans sich seit Jahren gewünscht haben. Alle Stärken der alten Teile, kombiniert mit all ihren Schwächen. Trotz der vielen kleinen und großen Kritikpunkte wie der Optik, der Performance und den langweiligen Umgebungen reißt das Spiel einen mit. Es ist, als würde man eine Achterbahnfahrt durch Sudas Gehirn machen: klebrig, eklig anzusehen, aber verrückt, absurd und einfach nur einzigartig.

      Travis Touchdown verabschiedet sich mit einem Knall, der von der ersten bis zur letzten Sekunde gut unterhält und unglaublich viele, unvergessliche Momente beschert. Und das, obwohl das Budget an jedem Ende gefehlt hat.

       

      Story

      E.T. nur mit mehr Humor, Boshaftigkeit und einer Menge Travis Touchdown. Die Vierte Wand sollte sich in Acht nehmen! Absurd und fesselnd zugleich. Ein typischer Suda51.

      Gameplay

      Spaßige Kämpfe, unterbrochen von weniger spaßigen Nebenaufgaben und großartig inszenierten Bosskämpfen, die alle im Kopf bleiben. Simple Elemente gut zusammengebracht.

      Grafik

      Mit Ausnahme der Charaktere und der Bosskämpfe ist die grafische Qualität eine pure Katastrophe. Hier ist so viel schiefgelaufen und die Performance hat davon nicht unbedingt profitiert.

      Sound

      Mit Synchronisation, Soundtrack und Effekten hatte die „No More Heroes“-Reihe noch nie Probleme und das soll sich beim gigantischen Finale auch nicht ändern.

      Sonstiges

      13 bis 25 Stunden werden hier je nach Spielstil angeboten. Hinzu kommen multiple Schwierigkeitsgrade, ein „Neues Spiel+“ und die Option, die Motion-Steuerung zu nutzen, was das gesamte Spielgefühl noch einmal ändert. Ein ordentliches Gesamtpaket.

      Bildmaterial: No More Heroes 3, Marvelous, Grasshopper Manufacture

    • Unterhaltsames und informatives Review. Ich finde es grafisch jetzt nicht so furchtbar wie hier beschrieben. Also im direkten Vergleich sieht es schon besser aus als die ersten beiden Teile, dennoch spielt es natürlich unter jeglichen Möglichkeiten, was man mit der Unreal-Engine anstellen kann. Ich bin hier deutlich entspannter, weil ich eher mit einem zweiten Deadly Premonition 2 in Sachen Performance gerechnet hatte. Was Präsentation und Performance angeht reiht man sich hier ungefähr in die Wii-Ära ein. Oder sagen wir, es ist ein typisches Suda-Spiel. Glaube, die einzigen male wo der ein halbwegs brauchbares Budget hatte war bei Killer7 und Project Zero 4.

      Ansonsten, auch mal abseits des Reviews hier, freut es mich, dass das Spiel doch bei rund 100 Reviews auf Metacritic recht stabil geblieben ist und es auch bei den User Scores keine übliche Entgleisung gab.

      No More Heroes 3 ist bereits im Preis gefallen. Sowohl auf Amazon, aber auch bei Otto. Habe da je ein Exemplar für mich und meine Freundin bestellt, versandkostenfrei und mit 10% Preisnachlass. Freue mich schon. Ein Erfolg war das Spiel kommerziell natürlich genau wie Travis Strikes Again nicht, daher hoffe ich, dass demnächst andere Plattformen noch folgen werden. Ein Release auf PC ist ja glaube ich mehr oder weniger sicher, aber ich denke, wie bei TSA werden hier noch andere Systeme bedient werden.

      Von Suda würde ich mir dann mal endlich das Flower, Sun and Rain Remaster wünschen und vielleicht ja mal wieder was ganz neues aus der "Kill The Past" Reihe, glaube, bei No More Heroes dürfte die Geschichte nun erzählt sein.
      Zuletzt durchgespielt:

      Psychonauts 2 7,5/10, Illusion of Gaia 8,5/10, Symphony of the Night 9/10