Behind the Polygons: Phoenix Wright aus Ace Attorney

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    • Behind the Polygons: Phoenix Wright aus Ace Attorney

      Bildmaterial: Phoenix Wright: Ace Attorney, Capcom

      Vermutlich hat sich noch niemand so häufig in scheinbar ausweglosen Situationen wiedergefunden wie Phoenix Wright. Er ist Verteidiger und bearbeitet Fälle, die so vertrackt, so hoffnungslos sind, andere seines Fachs würden diese nicht mit der Kneifzange anfassen. Apropos andere seines Fachs: Verteidiger sind in der Welt von Phoenix Wright: Ace Attorney und Co. Mangelware und obendrein nicht besonders hoch angesehen. Die Staatsanwälte hingegen werden gefeiert wie Rockstars und gewinnen nahezu jeden ihrer Fälle!

      An dieser Stelle muss kurz erwähnt werden, dass die Praktiken und Vorgänge, auf die Verteidiger, Anwälte und Richter der Spielreihe zurückgreifen, nicht wirklich realitätsnah sind. Zu Gunsten von Humor und Spielspaß hat man sich hier viel künstlerische Freiheit gegönnt.

      Nichtsdestotrotz schwingt bei der Ace-Attorney-Serie auch Kritik am japanischen Justizsystem mit und es gibt viele Anleihen an die Realität, die nicht zuletzt durch teils unrealistische und übertriebene Momente hervorgehoben werden. Hierzu gibt es einen älteren Artikel von The Escapist, der die Spielreihe mit der Realität vergleicht, und einen neueren Artikel der Süddeutschen Zeitung, welcher über das japanische Justizsystem berichtet.

      Lest die bisherigen Episoden „Behind the Polygons“:

      Ab hier folgen Spoiler zum Spiel!

      Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

      Er hat klein angefangen, als unerfahrener Lehrling von Mentorin Mia, die unermüdlich für das Recht ihrer Klienten kämpfte und Phoenix stets ihre moralischen Werte vermittelte: „Glaube an deinen Klienten!“ Unter diesem Motto durfte er ihr bei der Arbeit über die Schultern schauen und auch seinen ersten Fall mit ihrer Hilfe bewältigen. Von ihr lernte er auch, um die Ecke zu denken und alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In Sachen Selbstbewusstsein, Erfahrung und Raffinesse kann er Mia nicht das Wasser reichen, aber das ist in Ordnung. Er hat noch viel von ihr zu lernen, denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

      Als seine Mentorin aber ermordet wird, kommt er vom Regen in die Traufe und muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Zu allem Überfluss sitzt Mias Schwester als ihre Mörderin auf der Anklagebank.

      Warum einfach, wenn es auch schwer geht

      Doch warum ist er eigentlich Strafverteidiger geworden? An dem fehlenden Prestige, dem Stress und den schier endlosen Hürden, die sich ihm im Gerichtssaal in den Weg stellen, kann es ja wohl nicht liegen. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ganz zurück in seine Kindheit reisen.

      Als Phoenix noch zur Grundschule ging, wurde ihm vorgeworfen, das Pausengeld seines Klassenkameraden Miles Edgeworth gestohlen zu haben. Die Klasse hielt dazu einen kleinen Prozess ab und befand ihn dann prompt für schuldig, obwohl er in Wahrheit nichts mit dem Diebstahl am Hut hatte. Eingekreist und unter Druck gesetzt, fühlte sich Phoenix in die Enge getrieben und brach in Tränen aus.

      Ausgerechnet Miles nahm ihn in Schutz und plädierte für seine Unschuld. Es gab keine Beweise dafür, dass er das Geld entwendet hatte und auf dieser Grundlage sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Gemeinsam mit Kumpel Larry Butz stellten sie sich gegen die ganze Klassengemeinschaft, um einen Schwächeren zu beschützen.

      Aus einem Funken wird eine Flamme

      Es war dieser kleine Moment, der in Phoenix den Funken entfacht hat, Strafverteidiger zu werden. Ein paar Jahre später studierte der junge Mann dann auch schon Jura. Das Feuer zum Brennen brachte aber letztendlich seine Mentorin. Während seines Studiums wurde Phoenix Opfer eines fiesen Komplotts und saß mit Verdacht auf Mord auf der Anklagebank. Verteidigt wurde er damals von Mia, die zu dieser Zeit noch ganz grün hinter den Ohren war.

      Ausgerechnet Phoenix’ sanftmütige, federzarte Liebste steht bei Mia im Verdacht, ihm das Verbrechen unterschieben zu wollen. Das lässt der Hals über Kopf verliebte Phoenix nicht auf sich sitzen: Seine lammfromme Dahlia soll eine eiskalte Mörderin sein und zu allem Überfluss noch versuchen, ihm den Mord in die Schuhe zu schieben? Blödsinn! Phoenix rastet geradezu aus, lügt sich um Kopf und Kragen, um seine Freundin schützen. Alles was er tut, lässt ihn nur noch verdächtiger wirken. Und trotzdem: Er wird freigesprochen.

      Wie hat Mia das geschafft? Sie ist ihrem Motto gefolgt und hat an die Unschuld ihres Klienten geglaubt. Sie sah direkt durch Phoenix Lügen hindurch und hat alles daran gesetzt, ihm zu helfen, obwohl er sie praktisch sabotiert hat. Ihr unerschütterliches Vertrauen in ihren Klienten hat ihn letzten Endes jedoch davon überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Das, obwohl er dankend für Dahlia ins Gefängnis gewandert wäre.

      Wenn der Schüler selbst zum Meister wird

      Mias Wille, für ihn zu kämpfen und auf seiner Seite zu stehen, als niemand für ihn da war, hat Phoenix stark geprägt. Diese Gerichtsverhandlung hat ihn letztendlich zu dem Verteidiger gemacht, der er ist. Man könnte sogar sagen, das „Geheimnis“ seines Erfolges wurde an diesem Tag geboren.

      Geformt hat es sich nach Jahren von Prozessen, Rückschlägen, Erfolgen und Erfahrungen. Seither hat Phoenix zahlreiche Fälle für sich entschieden, viele Menschen vor einer falschen Verurteilung bewahrt und immer wieder seinen guten Ruf (den er sich mühsam aufgebaut hat) aufs Spiel gesetzt. Und gerade deshalb ist dieser Charakter so inspirierend: Er setzt sich für diejenigen ein, die in einer Notlage stecken. Er gibt nicht auf, auch wenn sie ihn immer wieder anlügen oder irrational handeln, sei es aus Angst oder anderen Gründen. Er schenkt ihnen immer sein bedingungsloses Vertrauen, auch wenn oft nicht von vornherein klar ist, ob sie es verdienen.

      Im Zweifel für den Angeklagten

      Im Falle des jungen Ahlbi Ur’gaid nahm er es sogar in Kauf, zum Tode verurteilt zu werden. Im Königreich Khura’in sind Verteidiger obsolet geworden, weil die Séance eines hohen Mediums ausreicht, um nachzuvollziehen, was am Tatort passiert ist. Auf dieser Grundlage und ohne etwas zu hinterfragen, werden vermeintlich Schuldige seit vielen Jahren ins Gefängnis geworfen oder gar hingerichtet.

      Phoenix Wright weigert sich jedoch, den 14-Jährigen im Stich zu lassen und nimmt sich seiner an. Richter, Zuschauer, Medium und Anwalt sind nicht nur gegen ihn, sie sind regelrecht darauf aus, ihn zum Schafott zu führen. Der Verteidiger hat noch die Chance, seine Sachen zu packen und zurück nach Hause zu fliegen. Er riskiert jedoch alles und erkämpft einen Freispruch.

      Objection!

      Natürlich kann man jetzt sagen: „Aber das ist doch sein Job?!“ Ja, es ist sein Job und ja, er verdient damit seine Brötchen und abermals ja, gewinnen liegt auch in seinem Interesse. Aber mit dem Beruf des Strafverteidigers hat er den harten Weg gewählt. Zudem zeigt seine Vergangenheit, aus welchen Beweggründen er diesen Werdegang beschritten hat. Nicht zuletzt die inneren Monologe unseres Helden, die im Spiel sehr häufig zum Einsatz kommen, zeigen, dass seine Motive edel sind.

      Realistisch betrachtet ist Phoenix bedingungsloses Vertrauen natürlich nicht vernünftig. So eine gesunde Skepsis gehört schließlich zum Leben dazu, besonders bei Gericht, wenn man aktiv daran mitwirkt, jemanden hinter Gitter zu bringen. Einfach blind davon auszugehen, dass der Klient unschuldig ist, besonders wenn die Beweislast erdrückend ist, ist schon ein Stück weit naiv.

      Tatsächlich sieht sich Verteidiger Wright genau mit dem Fall konfrontiert: Er soll einen Freispruch für einen vermeintlichen Mörder erlangen. Der aufstrebende, allseits beliebte Jungschauspieler Matt Engarde soll seinen rivalisierenden Schauspielkollegen Juan Corrida getötet haben. Diesmal stellt sich aber heraus, dass sein Klient tatsächlich schuldig und obendrein extrem skrupellos ist!

      Gibt er zu Anfang noch das Unschuldslamm, macht er eine 180°-Wendung, als sein Strafverteidiger ihm auf die Schliche kommt. Da es ein Auftragsmord war und Engarde technisch gesehen niemanden getötet hatte, konnten übernatürliche Elemente, denen sich das Spiel bedient, nicht greifen. Ansonsten hätte Phoenix nämlich anhand der Psychelocks, die er brechen kann, versteckte Lügen auffliegen lassen können. Hier hat er ihn, ganz klassisch, anhand von Beweisen überführt.

      Einspruch zurückgezogen

      Zu seiner Verteidigung (pun intended) kann man also festhalten, dass Phoenix Wright immer auf der Suche nach der Wahrheit ist und wenn die Beweise unmissverständlich gegen seinen Klienten sprechen, dann sieht er das ein. Naja, zumindest in der fiktiven Welt haut das immer hin.

      So überdreht, bunt und witzig die Ace-Attorney-Reihe auch sein mag, so stecken hinter der schrillen Fassade doch einige Wahrheiten, Weisheiten und Denkanstöße. Phoenix Wright ist nach jahrelanger Fortführung der Serie eine feste und durchaus bekannte Größe unter den Videospiel-Protagonisten und wird immer als der Mann bekannt sein, der Unmögliches möglich macht.

      Lest die bisherigen Episoden „Behind the Polygons“: